Seit einigen Wochen scheint das deutsche Feuilleton nur mehr einen Namen zu kennen: Helene Hegemann, das Wunderkind. Heute tauchte eine Meldung auf, die den Hype um die 17-jährige Autorin und Filmemacherin noch einmal kräftig anheizt. Und für jene Kontroversen sorgt, die bisher größtenteils ausgeblieben waren. Ein Blogger, der seine Seite heute Nachmittag vom Netz genommen hat (!), wies Hegemann eindeutig nach, in “Axolotl Roadkill” von einem anderen Autor abgeschrieben zu haben. Die zitierten Passagen waren eindeutig, überprüft hat das allerdings sonst noch niemand. Wahr wird es dennoch sein, denn sowohl der Ullstein Verlag als auch die Autorin veröffentlichten postwendend Entschuldigungen mit dem Hinweis, nachträglich um die Rechte anfragen zu wollen.
“Originalität gibt’s sowieso nicht, nur Echtheit”, sagt die Autorin. Der Verlag ringt nach Erklärungen. Er verweist auf die “Sharing-Kultur”, mit der die Autorin aufgewachsen ist. Rechtfertigt das den Diebstahl geistigen Eigentums? Wohl kaum. Umso überraschender ist der Kommentar, der auf der Website des “SPIEGEL” erschienen ist. Daniel Haas nennt die Plagiatsdebatte um den Roman “Axolotl Roadkill” allen ernstes “naiv”, Publikum und Kritiker würden “hinter die Errungenschaften der Moderne zurück” wollen. Als Beispiele nennt er solche, die nicht vergleichbar sind. Hegemann hat nicht aus wissenschaftlichen Arbeiten, nicht bei Philosophen oder von Lexika-Einträgen abgeschrieben, sondern von einem literarischen Werk, das als solches existiert und das wohl nicht geeignet ist, “remixed” zu werden, zumal die Parallelen nicht auf Remix hindeuten, sondern großflächig Wort-für-Wort-Kopien sind.
Die Kommentare der deutschen Zeitungen sind abzuwarten. Sollte sich anhand dieses Beispiels der Trend abzeichnen, die Copy/Paste-Mentalität unserer Generation zu legitimieren, stellt sich wirklich die Frage, ob Literatur dann überhaupt noch “verkauft” werden darf. Fräulein Hegemann wird mit ihrem Roman, auf den so neugierig gemacht wurde, bestimmt den einen oder anderen Euro verdienen. Wahrscheinlich wird nun auch das Original, von dem sie abgeschrieben hat, seine Leser finden. Aber was passiert mit all jenen, die sich nicht zu Wort melden können? Deren Urheberschaft nicht ans Licht kommt? Die Literatur ist kein Selbstbedieungsladen, mit dem derjenige am meisten Erfolg haben darf, der seine Collagen am besten vermarkten kann!
to be continued…
Interview mit “Der Welt“
1.) Im Rahmen des Projekts “TextBild Mixx” des steirischen herbsts wurde vor einigen Tagen mein Beitrag auf einer LED-Wand präsentiert… das ist er.
2.) Im Kunsthaus Graz läuft derzeit die Ausstellung “Warhol Wool Newman. Painting Real“. Hier wurden diverse Künstler und Kulturschaffende um persönliche Kommentare zu einzelnen Bildern gebeten, die jetzt auf dem Audio-Guide zu hören sind.
Meinen Beitrag gibt’s am 13. 10. in Niklasdorf

Weil ich heute nach gefühlten 12 Jahren das erste Mal wieder einen Text geschrieben habe (der vorangegangenen, unendlich verhassten und zu ungerechtfertigtem Abbruch prädestinierten Hausarbeit sei Dank), trau ich mich, mich wieder als Autorin zu fühlen und poste mit gehöriger Verspätung ein paar Fotos von den Ernst Jandl Lyriktagen in Neuberg/Mürz.